Multimondo

Zusammenfassung 11. Dialogue-Abend

Am 23. März fand der elfte Dialogue-Abend statt, lesen Sie hier unsere kurze Zusammenfassung

Dialogue-Abend vom 23. März «Arbeitsausbeutung in der Schweiz: Wie erkennen wir sie und was können wir dagegen unternehmen?» Mit Nicole Emch von ACT212.

Der Verein MULTIMONDO organisiert seit 2018 die Veranstaltungsreihe Dialogue, welche an mehreren Abenden im Jahr Menschen mit unterschiedlichen Biografien dazu einlädt sozio-politische Themen zu diskutieren und sich auszutauschen. Nicole Emch, Koordinatorin Sensibilisierungs- und Öffentlichkeitsarbeit von ACT212, war am 23. März zu Gast.

Im Rahmen des Dialogue-Abends stellte Nicole Emch «ACT212, Beratungs- und Schulungszentrum für Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung» vor. ACT212 engagiert sich gegen Menschenhandel und damit verwandte Themen wie sexuelle Ausbeutung und Arbeitsausbeutung. Bereits der Name des Beratungs- und Schulungszentrums steht für seine Handlungsfelder: ACT212 besteht aus dem Akronym für «Agieren, Kooperieren, Thematisieren», gefolgt vom Datum der Ratifizierung des internationalen Abkommens gegen Menschenhandel in der Schweiz am 2. Dezember 1949 (2.12.1949). Das Ziel von ACT212 ist es, den Menschenhandel in der Schweiz und im Ausland zu bekämpfen, die Opfer zu identifizieren und zu schützen und die Täter*innen zu bestrafen. ACT212 verfügt ausserdem über eine niederschwellige nationale Meldestelle, bei der Betroffene, Angehörige, Bekannte, Arbeitgebende oder sonstige Personen Fälle von Menschenhandel oder ausbeuterischen Situationen melden können resp. sich beraten lassen können. Wenn nötig und möglich und in Absprache mit der meldenden Person, werden Fälle an die zuständigen Behörden oder andere zuständigen Stellen weitergeleitet.

Nicole Emch vermittelte zum Einstieg einen Überblick über die verschiedenen Formen, die Menschenhandel annehmen kann:

Menschenhandel kann in Form von sexueller Ausbeutung, Arbeitsausbeutung, organisierter Bettelei, ritueller Gewalt, Zwangsheirat oder der Loverboy-Methode auftreten. «Loverboys» sind Menschenhändler und Zuhälter und oft selbst noch Teenager. Sie verführen Mädchen (12-18 Jahre alt) indem sie ihnen die wahre Liebe versprechen. Das Mädchen wird daraufhin systematisch abhängig von ihm gemacht und zunehmend von ihrem Umfeld isoliert. Nach und nach führt er sie in die Prostitution ein, mit dem Ziel möglichst viel Geld mit ihr zu verdienen. Schliesslich wird sie soweit gebracht, dass sie sich prostituiert, um ihm finanziell zu helfen.

Menschenhandel ist äusserst lukrativ und betrifft weltweit 40 Millionen Menschen (meist Frauen und Kinder). Die häufigste Form des Menschenhandels ist die sexuelle Ausbeutung. Nach dem Schweizerischen Strafgesetzbuch unter Artikel 182 ist Menschenhandel strafbar.

Nicole Emch berichtet, dass seit dem Start der Meldestelle im Oktober 2015 rund 400 Meldungen eingegangen sind. Alle Formen von Menschenhandel kamen in diesen Meldungen vor. Meistens wurden diese Meldungen von Angehörigen vorgenommen, nicht direkt von Betroffenen.

Die weitere Diskussion am Dialogue-Abend konzentrierte sich dann eher auf verschiedene Formen von Arbeitsausbeutung in der Schweiz. Nicole Emch ergänzte, dass von den 400 eingegangenen Meldungen, 29 Meldungen mit insgesamt 57 Opfern die Ausbeutung von Arbeitskräften betrafen.

Die betroffenen Arbeitsbereiche sind vor allem das Bau- und Gastgewerbe, die Landwirtschaft, Dienstleistungen im Schönheitsbereich und Bereiche wie Hausarbeit, Kinder- und Altenpflege, die häufig noch weniger sichtbar sind, weil sie im privaten Bereich liegen. Die Dunkelziffer wird weitaus höher als 29 Fälle mit 57 Opfern geschätzt. Laut Nicole Emch gibt es mehrere Gründe dafür, dass es nur so wenige Meldungen gibt: a) die betroffenen Personen halten sich illegal in der Schweiz auf und wenden sich aus Angst vor einer Ausweisung nicht an die zuständigen Behörden; b) die Personen befinden sich in einer Abhängigkeitssituation (sind beispielsweise auf die Arbeit angewiesen und können es sich nicht «leisten» sich zu wehren und allenfalls die Arbeit zu verlieren); c) die Personen merken selbst nicht, dass sie ausgebeutet werden (sie kennen beispielsweise ihre Rechte als Arbeitnehmende nicht genügend; wissen nicht, dass sie Anspruch hätten auf einen höheren Lohn). Nicole Emch schildert ein markantes Beispiel für die Ausbeutung von Arbeitskräften in der Schweiz. Der betroffene Mann meldete sich an die nationale Meldestelle und schilderte seinen Fall:

Er kommt aus einem europäischen Land und gibt an, dass er für mehrere Monate in einem Betrieb in der Schweiz gearbeitet habe, ohne Lohn dafür zu bekommen. Während der Zeit in der Schweiz wohnt er für einen kleinen Mietbeitrag bei Landsleuten. Weil er den Lohn nicht erhält, kann er seinen Lebensunterhalt nicht länger finanzieren und muss in sein Heimatland zurückkehren.

Erst nach mehr als einem Jahr nimmt er seinen Mut zusammen und kontaktiert von zuhause aus die Meldestelle. Er wird mit einer Beratungsstelle im betroffenen Kanton vernetzt.

Wie können wir diese Situationen leichter erkennen und was können wir dagegen unternehmen? Laut Nicole Emch ist ein wichtiger Schritt, die Sensibilisierung von Fachpersonen, Arbeitsgebenden, aber auch der Bevölkerung für die Thematik sowie die Bekanntmachung von Melde- und Beratungsstellen wie ACT212. Auf politischer Ebene gibt es die Forderung, so Nicole Emch, die derzeitige Gesetzesgrundlage zu ändern, da diese aktuell oft nicht genug greift.

Das Thema ist sehr breit gefächert und warf mehrere Fragen im Publikum auf. Der Abend hat verdeutlicht, dass es schwierig einzuschätzen ist, ob eine Situation unter Ausbeutung kategorisiert werden kann oder nicht. Die Grenzen sind flexibel und es gibt keine klare Gesetzgrundlage. Wichtig ist sicherlich, sich der Situation bewusster zu werden, auch in Bezug auf Konsum, und bei Verdachtsfällen zu handeln und sich beispielsweise beraten zu lassen. Bei der Meldestelle können Fälle geschildert und eine erste Einschätzung eingeholt werden und anschliessend kann noch entschieden werden, ob der Fall weitergeführt werden soll oder nicht. Die Meldung kann komplett anonym erfolgen.

Wenn Sie eine betroffene Person sind oder jemanden kennen, der sich in einer ausbeuterischen Situation befindet, zögern Sie bitte nicht, ACT212 – Nationale Meldestelle unter 0840 212 212 zu kontaktieren.

Dialogue wird unterstützt durch die Stiftung fondia.